Polemische Debatten um Papsttum als Antichrist im 16ten Jahrhundert

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Die Debatten um das Papsttum als der Antichrist wurden schon ab Mitte des 16ten Jahrhunderts mit aller Hitzigkeit geführt. Polemische Auseinandersetzungen zwischen den Fronten des Jesuitenordens und der Protestanten. Ein interessanter Einblick in die geführten Argumenten und Gegenargumenten.

Feldzug gegen Erkenntnisse Protestanten

Nachdem Franziskus Ribera (1537 bis 1591, Jesuit) mit seiner völlig neu ausgestalteten Version der Prophetie, insbesondere Daniel und Offenbarung (Info), Vorarbeit geleistet hatte, gab auch Robert Kardinal Bellarmine (1542 bis 1621, Jesuit) seine Erkenntnisse zum Besten, die das Ziel hatten, das Papsttum aus dem Fokus des von den Protestanten erkannten antichristlichen Systems zu entfernen.

Martin Luther hatten das päpstliche System klar als den “Mensch der Sünde, den Sohn des Verderbens” erkannt und seine Ausführungen standen zur Zeit des Wirkens beider Jesuiten auf der roten Liste. Dabei blieb Luther längst nicht alleine auf dem sicheren Standpunkt, mit wem es sich um den biblischen Antichristen tatsächlich handelt (Info).

Papsttum aus der Schusslinie nehmen

Ziel der Jesuiten war es, die biblischen Beschreibungen des Antichristen derart umzudeuten, dass es unmöglich auf das Papsttum samt der römisch-katholischen Kirche zutreffen könne. Ribera kreierte eine völlig neue Version über das Erscheinen eines Antichristen irgendwann in der Zukunft. Eine bis heute tatsächlich geglaubte und in evangelikalen Kreisen weit verbreitete Variante (Info). Bellarmine spezialisierte sich darauf, die von Protestanten vorgetragenen Argumente zu entkräften und durch eigene Erklärungen zu ersetzen.

Die ureigenste Aufgabe des Jesuitenordens war bzw. ist die Vernichtung des Protestantismus und die Wiederherstellung der uneingeschränkten Macht der Kirche Roms. Kardinal Bellarmine war es übrigens, der den Forscher Galileo Galilei dazu zwang, seine Erkenntnisse über ein Sonnen-zentrisches System zu widerrufen. Heute gilt Bellarmine als “heilig” gesprochen, Doktor der Kirche und “Verteidiger der Kirche”.

Reine Sachlichkeit brauchte man bei den hitzigen Debatten rund um den Antichristen nicht zu erwarten. Polemik stand auf der Tagesordnung. Entsprechend auch die Argumentationsführung von Kardinal Bellarmine sowie auch von den Protestanten und deren Antworten.

Polemische Debatten Jesuiten vs. Protestanten

Auszug Preuss 1

Die zum Ende des 16ten und Anfang des 17ten Jahrhunderts geführten hitzigen Debatten zwischen Jesuiten und Protestanten griff die lutherische Theologie und Professor an der Universität Erlangen, Hans Preuß (1876 bis 1951), in seinem Werk “Die Vorstellung vom Antichrist”, im späten Mittelalter, bei Luther und in der konfessionellen Polemik, auf (1906).

Vorlage ist das von Bellarmine verfasste Werk “Disputationes de Controversiis” und die darin enthaltenen Erklärungen, warum der “Papst unmöglich der Antichrist” sein könne. Hierzu stellte Bellarmine 10 Thesen auf.

These 1

Antichristus heiße “Gegen Christus”. Der Papst sei schließlich für Christus und nicht gegen ihn.

Die Antwort der Protestanten: “Erstaunlich einfache Widerlegung”. Wenn die römischen Polemiker selbst an ihre Kraft geglaubt hätten, würden sie es wohl nicht für nötig gehalten haben, nun noch nach einer Menge anderer Gründe gegen die protestantische Lehre sich umzusehen. Aber sie haben es wohl selbst empfunden, dass das nichts anderes als eine “petitio principii” war.

These 2

Alle “notae Antichristi”, welche Schrift und Väter aufzählen, treffen auf den römischen Pontifex nicht zu. Daher könne dieser nicht der Antichrist sein. Vor allem ist der Antichrist keine Kollektivperson, sondern ein “certus quidam homo futurs”, ein Individuum.

Die Antwort der Protestanten: Das ist allgemeine katholische Ansicht. “Catholici omnes ita sentiunt”.

These 3

Der Antichrist könne noch nicht gekommen sein, da die notwendigen vorangehenden und mit folgenden Zeichen noch ausstehen, nämlich die Predigt des Evangeliums in aller Welt, die völlige Auflösung des imperium Romanun (in 10 Königreiche), die Ankunft des Henoch und Elias, der nicht schon in Johannes den Täufer gekommen sei (trotz Matthäus 17,12!), schwere Christenverfolgung, die allen öffentlichen christlichen Kultus aufhören macht, 3,5-jährige Regierung des Antichrist, kurz darauf das Weltende. Der Papst regiert aber schon lange, darum kann er der Antichrist nicht sein.

Die Antwort der Protestanten: Die Protestanten hatten es hier mit der Gegenrede nicht schwer. Sie konnten mit Römer 10,18 und Bellarmin selber darauf hinweisen, dass schon seit den Tagen der Apostel das Evangelium “in aller Welt” erschalle. Sie konnten Bellarmine an sein eigenes Wort erinnern, “die ecclesia visibilis werde nie ohne Sakramentsverwaltung sein”. Was die grausame Verfolgung betraf, so hätten ja die Päpste seit Gregor VII und schon eher diese Prophezeiung reichlich erfüllt.

Die 3,5 Jahre schlugen sie mit der Gegenbemerkung, dass der große römische Polemiker selber die Dauer des imperium Romanums nach Offenbarung 13 zu 42 Monaten rechne, also auch die Bedeutung von Jahrwochen u.ä. anerkenne. Obwohl es klar in Matthäus 17,12 klar geschrieben steht, dass das Erscheinen des Johannes des Täufers auf Elia bezogen ist, wird diese Aussage dennoch verworfen.

These 4

Wenn der Antichrist da ist, wird man seinen Eigennamen wissen, also wird man dann auch die Antichristzahl 666 (Offb. 13,18) deuten können. Das vermag man jetzt noch nicht, ergo Antichristus nondum venit nec est R. pontifex.

Die Antwort der Protestanten: Anerkennend muss darauf hingewiesen werden, dass Bellarmin darauf verzichtete, diese Zahl zu enträtseln. Das ist eine seltene Selbstbeschreibung in dieser trauten Zeit. Die positive Seite dieses Arguments muss wieder als äußerst schwächlich bezeichnet werden.

These 5

Das Abzeichen des Antichristen (Offb. ab 14,9) ist am Pontifex nicht nachzuweisen. An die Priesterölung kann man dabei ohne Künstelei nicht denken.

Die Antwort der Protestanten: Die protestantische Polemik tadelt hieran die äußerliche Auffassung, als ob dieses Zeichen aliquid materiale sein müßte und nicht vielmehr auch eine innere Qualität bedeuten könnte. Im Übrigen seien sich die Römischen selber nicht klar, was mit dem Mal gemeint sei, darum könne dieser Zunft nichts entscheiden.

These 6

Auszug Preuss 2

Auch die Geburts- und Jugendgeschichte des Antichristen passt ganz und gar nicht auf das Papsttum. Doch sind hier drei Gruppen von Ansichten zu unterscheiden. a) Erronea sententia ist es, dass der Antichrist ex viergine opera Diaboli stamme, daß er der Teufel selber sei, dass er ein diabolus incarnatus, oder etwa Nero redivivus sei (den Unterschied zwischen der zweiten und dritten Anschauung konnten schon die alten Dogmatiker auf protestantischer Seite nicht herausfinden). b) Probabilis ist die Meinung, der Antichrist werde der Sohn einer Dirne sein und dem Stamme Dan entsprießen. c) Als certissima dagegen wird die Ansicht bezeichnet, dass er wegen der Juden kommen, selber ein Jude sein werde und von ihnen als Messias aufgenommen werde, dass er die Beschneidung an sich vollziehen lassen und den Sabbath zum allgemeinen Gesetz erheben werde. Haec non conveniunt pontifici Romano. Ergo etc.

Die Antwort der Protestanten: Über diese Fabeleien hat sich der protestantischen Polemik voller Zorn und Spott ergossen. Können wir ihr das verdenken? Hier sieht man besonders deutlich, dass es sich um einen Prinzipienstreit handelte, nicht bloß um Außenwert.

These 7

Der Antichrist wird seinen Sitz im Tempel zu Jerusalem aufschlagen, der Papst aber residiert in Rom. Templum Dei 2. Thessalonicher 2,4 nach 1. Korinther 3,16 als “Kirche”, “Christenheit” aufzufassen, geht deswegen nicht an, weil, wenn der Antichrist in der Kirche seinen Sitz nähme, es dann um die Christenheit geschehen wäre, was der Verheißung Christus Matthäus 16,18 zuwider ist.

Die Antwort der Protestanten: Die Protestanten verharren trotzdem weiter bei ihrem Grundsatze, Schrift mit Schrift auszulegen, und bei ihrer alten Deutung vom “Tempel Gottes”.

These 8

Auch die biblischen Angaben über die Lehre des Antichristen, meint Bellarmine (e. XIV), stimmen nicht zum römischen Papst. Denn danach werde jener leugnen, dass Jesus der Messias sei, und behaupten, er selber sei es, ja er wäre Gott selbst und er allein. Wie sollte damit der Papst geweissagt sein, der sich doch selbst servus servorum Dei nennt und dessen rührende, selbstlose Sorge für die Herde Christi ein anderes Urteil verdiente.

Die Antwort der Protestanten: Die Gegner wiesen aber, wie es schon Luther getan, darauf hin, dass der Papst zwar nicht verbo, aber opere Jesum verleugne und sich mit seinen Satzungen über Gottes Wort erhebe, damit aber auch über Gott selbst.

These 9

“Die Schrift und die Väter schreiben dem Antichristen und seinen Dienern Lügenwunder zu, und zwar nach Offenbarung 13: Feuer vom Himmel, redendes Tier, Tod und Auferstehung. Die Päpste haben keine getan. Ergo etc.” Die “mendacia miracula”, die die Magdeburger Zenturien den Päpsten aufschreiben, sind weder die Offenbarung 13 genannten, noch sind sie mendacia.”

Die Antwort der Protestanten: Denn darauf die Protestanten antworten, die Antichristwunder Offenbarung 13 seien mystice, non proprie zu verstehen, so ist das eine petitio principii ebenso, wie die Auslegung Bellarmines eine ist.

These 10

“Endlich trifft auf die Päpste auch das nicht zu, was nach Daniel 11 und Offenbarung 20 erwartet wird: die Wiederherstellung eines jüdischen Reiches, der Aufschluss der Könige von Ägypten, Libyen und Äthiopien, die Eroberung der ganzen Welt und die Verfolgung der Christenheit mit einem unzähligen Heere”.

Die Antwort der Protestanten: Man wird den Protestanten keinen Vorwurf daraus machen dürfen, dass sie für diese dunkeln apokalyptischen Stellen eine andere, ebenso irrige Deutung fanden.

Hans Preuß hierzu:
Es ist allgemeiner Grundsatz apologetischer Klugheit, dass man von dem schweigt, was dem Gegner sicheren Anlass zum Spott geben könnte. So können wir es in der römischen Polemik beobachten, dass sie den mittelalterlich-kirchlichen Antichristmythus in seinen tollsten Auswüchsen stillschweigend beschneidet.

Erkenntnisse nahmen zu

Smart-Birne
Aus der Geschichte schlauer werden

Man kann erkennen, dass die Auslegung von Offenbarung 13 zur damaligen Zeit noch nicht ganz verstanden wurde. Weder seitens Rom, wie auch seitens der Protestanten. In Offenbarung 13 sind zwei unterschiedliche Tiere am Werk (Info). Denn das Tier, welches “Zeichen und Wunder” tut (Offenbarung 13,13), ist das Tier aus der Erde (Info). Tatsächlich ist es aber das erste Tier (aus dem Meer), das diese antichristliche System darstellt, während das Tier aus der Erde “lediglich” die willfährig ausführende Gewalt ist, welches den Willen des ersten Tieres den Menschen aufzwingen wird.

Seit der Zeit der polemischen Auseinandersetzungen sind inzwischen rund 400 Jahre vergangen. Es ist viel passiert und der Blick auf die Historie bringt die Erklärung für die damals noch nicht verstandenen Bedeutungen der Prophetien. Die “tödliche Wunde” (Offenbarung 13,3) am Tier aus dem Meer ist inzwischen eingetroffen (1798), die Heilung fast abgeschlossen.

Erstaunlich ist, dass, obwohl die Identifizierung des Papsttums als der seit rund 1700 Jahren wütende Antichrist aufgrund der inzwischen erfüllten Prophetien immer augenscheinlicher und klarer hervortritt, diese Tatsache heute weitgehend aus den Köpfen der Protestanten verschwunden ist. “Das Papsttum hat sich geändert”, so die vorherrschende Fehleinschätzung. Obwohl die Kirche Roms beinahe täglich immer wieder auf das neue beweist, dass sie von ihren mittelalterlichen, schon damals “unfehlbaren” Entscheidungen, um keinen einzigen Millimeter abgerückt ist (Info).

Und es wurde ihm ein Maul gegeben, das große Worte und Lästerungen redete; und es wurde ihm Macht gegeben, 42 Monate lang zu wirken. Und es tat sein Maul auf zur Lästerung gegen Gott, um seinen Namen zu lästern und sein Zelt und die, welche im Himmel wohnen. Und es wurde ihm gegeben, Krieg zu führen mit den Heiligen und sie zu überwinden; und es wurde ihm Vollmacht gegeben über jeden Volksstamm und jede Sprache und jede Nation. Und alle, die auf der Erde wohnen, werden es anbeten, deren Namen nicht geschrieben stehen im Buch des Lebens des Lammes, das geschlachtet worden ist, von Grundlegung der Welt an.
Offenbarung 13,5-8

Bibelverse aus Schlachter 2000

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