Muammar el-Gaddafi – Darstellung seiner Person in zwei Lichtern

Medien machen Meinung – Medien manipulieren – Gaddafi Rede an der 64. UN-Vollversammlung


Eine Person, ein Thema, ein Ort, aber zwei völlig unterschiedliche Darstellungen. Muammar el-Gaddafi hielt auf der 64. UN-Generalversammlung am 23. September 2009 eine Rede, die für die Anwesenden wohl für immer in Erinnerung bleiben wird.

Gaddafi

Muammar el-Gaddafi

Gaddafi war auf dem internationalen Podest ohne Zweifel eine außergewöhnliche Figur. Schon seine äußere Erscheinung trat auf Gruppenfotos von den Mächtigen dieser Welt besonders hervor. Die Einen mögen seine Kleiderwahl als die Egozentrik eines Paradiesvogels bezeichnen, die Anderen halten ihn schlicht als einen Bewahrer der Traditionen. Man sollte aber nicht übersehen, dass selbst die Repräsentanten der meisten afrikanischen Staaten und sämtlicher asiatischen Staaten während den offiziellen Auftritten einen gepflegten Nadelstreifenanzug tragen und somit den „Vorgaben“ ausschließlich der abendländischen Kultur Folge leisten. Einst wurde die westliche Kleiderordnung als Begleiterscheinung anderer Bestrebungen in die jeweiligen Länder importiert. Es war ein Leichtes den kooperierenden oder installierten Landesregierungen von der Bequemlichkeit dieser Mode zu überzeugen. Eine Frau Merkel im Kimono, oder ein Außenminister Westerwelle in der Tracht der Massai würden für die Welt zwar ein sehr ungewöhnliches Bild abgeben, hätte sich die Geschichte jedoch anders entwickelt, könnten diese Varianten durchaus möglich gewesen sein.

Bemerkenswert jedoch ist, wie unterschiedlich sich die Medien der Person Muammar el-Gaddafi angenommen haben. Der Öffentlichkeit wird der ehem. Herrscher Libyens in einem komplett anderen Licht präsentiert. Die Berichterstattung über seine Rede an der 64. UN-Vollversammlung bietet ein Musterbeispiel, wie die breiten Medien die Meinungen der Leser in eine bestimmte Richtung führen. Gegenüber stehen die Berichte der Online-Magazine focus.de und der Berliner Morgenpost.

Focus titelte am Abend des 23.09.2009: „Gaddafi belustigt die UN“ (Artikel).
Die Berliner Morgenpost hatte am 05.10.2009 zur Überschrift: „Libyens Diktator Gaddafi zerreißt UN-Charta“ (Artikel).

Die Rede vor der UN-Vollversammlung hielt Gaddafi am Vormittag des 23.09, gleich nach dem US-Präsidenten Barack Obama. Focus berichtete somit taggleich und es ist durchaus möglich, dass Einzelheiten zum Inhalt der Rede Gaddafis noch nicht aus offiziellen Quellen verfügbar gewesen sind. Betrachtet man jedoch den Inhalt der Focus-Berichterstattung wäre ein aktueller Informationsstand ohnehin belanglos gewesen.

Focus verfolgt offensichtlich das Ziel, Gaddafi als nicht ernst zu nehmende Witzfigur hinzustellen und bemüht sich nicht ansatzweise, den Inhalt seiner Rede sachlich darzulegen.
Mit der spöttischen Aufzählung der Titel als der „Führer der Revolution“, „König der Könige“, „Präsident der Afrikanischen Union“ (eine Auswahl der Titel, mit denen sich der libysche Staatschef anrufen ließ), wird Gaddafi als respektlos gegenüber der UN dargestellt, der keine Anstalten macht, den Aufforderungen des ungeduldigen Sitzungspräsidenten Folge zu leisten, um endlich mit der Rede zu beginnen. Focus weiß auch, dass die Bemühungen für Ordnung vergebens gewesen sind, da die 64. UN-Vollversammlung von Ali Treki, dem ehem. libyschen Außenminister, geleitet worden ist.

Die Berliner Morgenpost sieht die Situation zum Antritt der Rede jedoch völlig anders. Der Versammlungsleiter Ali Treki versuchte rund 10 Minuten lang für Ruhe und Ordnung zu sorgen, bis Gaddafi sichtlich verärgert zum Rednerpult tritt. Schon vor der Rede des Libyers brach unter den 192 Mitgliedern große Unruhe aus. Viele Deligierte verließen den Raum.

Gaddafis Titel
Führer der Revolution nannte sich Gaddafi, nachdem er 1979 offziell als Staatsoberhaupt in Libyen zurücktrat, aber faktisch die Macht behielt. Die Afrikanische Union (AU) wurde auf Gaddafis Betreiben 2002 gegründet. Zwischen Feb. 2009 und Jan. 2010 war er deren Vorsitzender, also Präsident. Die AU hatte die Europäische Union für eine wirtschaftliche Einigung Afrikas zum Vorbild. Den Titel „König der Könige“ erteilte sich Gaddafi nicht selbst, sondern dieser wurde ihm 2008 aus einer Delegation von mehr als 200 Königen Afrikas verliehen.

Die Berliner Morgenpost erklärt einleitend, dass der Auftritt von Muammar al-Gaddafi zu einem Eklat in der UN-Vollversammlung geführt hat. Der Revolutionsführer ward den Vereinten Nationen vor, ihre eigene Charta zu brechen. Er hielt gleichzeitig ein Exemplar hoch und zerriss einige Seiten. Die fünf Vetomächte bezeichnete Gaddafi als „Terrorrat“.
Gaddafi wird damit zitiert, dass er die Zusammenstellung des UN-Sicherheitsrates nicht akzeptieren könne. Die fünf Vetomächte hätten das alleinige Sagen, „Das akzeptieren wir nicht, und das erkennen wir nicht an“. Während er die Charta hochhielt und einige Seiten daraus zerriß fielen seine Worte „Er (der UN-Sicherheitsrat) sollte nicht Sicherheitsrat heißen, sondern Terrorrat“. Gaddafi bemängelte die beständige Besetzung des UN-Sicherheitsrats mit Nuklearmächten, und dies sei „Terrorismus“.

Focus stellt Gaddafis Beginn zur Rede als ein „endloses Ablassen von Tiraden“ dar. Seine um ein Vielfaches überzogene Zeit von 15 Minuten hat er nicht sinnvoll genutzt. Inhaltlich hätte er seine Botschaft auch in 5 Minuten untergebracht. Die erste Erläuterung von Gaddafis Rede wird mit dem Wunsch einer Abschaffung des Sicherheitsrats eingeleitet. Gaddafi würde den bestehenden Sicherheitsrat durch einen Rat ersetzen, in dem Staatenverbände wie die EU oder ASEAN repräsentiert wären. In einem solchen Rat könnte kein land dem anderen ein Veto aufzwingen. Focus zieht jedoch den Inhalt durch „und damit scheint es ihm, soweit man seinen Ausführungen folgen konnte, tatsächlich ernst zu sein“, in die Lächerlichkeit.

Gaddafis Kritik an der UN sind berechtigt – Seite 2 >>

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